Mit seiner Reihe Ohrwurm möchte das Bürgerradio die Lust am Lesen und die Freude an der Literatur wecken. In der nächsten Sendung dieser Reihe liest Holm Roch die Geschichte „Tolu Tolo“ von Otto Julius Bierbaum, einem vor 100 Jahren überaus beliebten Unterhaltungsschriftsteller. Seine Geschichte entführt uns in das Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wo sich Emil Meier abmüht die Chinesische Sprache zu erlernen, weil er an der deutschen Botschaft in Peking Karriere machen möchte. Wie ihm die Lust am Chinesischen vergeht, weil die Liebe in sein Leben tritt und bald darauf auch wieder daraus verschwindet, erzählt diese kurzweilige Geschichte.

 

Nachzulesen unter “Projekt Gutenberg” im Internet:

Otto Julius Bierbaum To-lu-to-lo oder Wie Emil Türke wurde

Mein Freund Emil war ein merkwürdiger Referendar: Es genügte ihm nicht, Referendar zu sein. Er wollte durchaus nach China.

Nicht etwa, daß er an einer Stangenschen Weltreise hätte teilnehmen wollen. Nein, es war nicht eitle Vergnügungssucht oder seichte Neugierde; es war Ehrgeiz.

Emil hatte es sich in den Kopf gesetzt, schnell Karriere zu machen und auf ungewöhnliche Weise. Aber es war ihm nicht verborgen geblieben, daß es bei der erstaunlichen Fruchtbarkeit, die Mutter Germania in der Erzeugung von Referendaren an den Tag legt, seine Schwierigkeiten hat, selbst durch ungemeine Leuchtkraft juristischen Genies das Anciennitätstempo der Beförderung zu durchbrechen, und außerdem erblickte er, so genau und scharf er sich auch umsah, keine Gelegenheit, auf ungewöhnliche Manier, also außerhalb der offiziellen Klimmleiter, ein höherer Würdenträger zu werden. Denn er war nicht einmal in einem gewöhnlichen, geschweige denn in einem »besseren« Korps aktiv gewesen und hieß übrigens bloß Meyer.

Indessen, es fehlte ihm nicht an Findigkeit, und so hatte er entdeckt, daß im auswärtigen juristischen Staatsdienste ein sehr viel schnelleres Tempo des Avancements statthat, und daß dieses Tempo sich im Verhältnis zur Entfernung von Deutschland beschleunigt. Daher beschloß er, kaiserlich deutscher Konsul in China werden zu wollen.

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