Robert Beyer wird auch in dieser Sendung für seine Hörern und Hörerinnen wieder einen Blick zurück in die Vergangenheit werfen. Diesmal geht es um einen Sänger von Weltruhm. Viele Klassikliebhaber aus der älteren Generation werden sich noch an ihn erinnern, an den Tenor Benjamino Gigli. Er wurde am 20.März 1890 in Recanati in Italien geboren. Er war der jüngste Spross der Familie und hatte noch fünf Geschwister. Gigli gilt als der erfolgreichste italienische Tenor nach Caruso.

Dem Zauber seines Pianissimos und der Klangpracht seiner hellen, samtweichen Stimme konnte sich keiner entziehen. Kaum ein Tenor verstand es so gekonnt, mit wehmütiger und traumverlorener Innigkeit zu singen, wie er. Während seiner langen Laufbahn behielt seine Stimme wohltuende Frische und unverminderte Jugendlich-keit. Schon als Kind wurde seine Stimmbegabung vom Domorganisten Lazzarini im Kirchenchor seiner Heimatstadt festgestellt. Gigli hat sich aus kleinen Anfängen emporgearbeitet. Einem Reporter gegenüber sagte er einmal:
„Ich habe durchaus nicht spielend meinen Weg gemacht, wie vielleicht viele denken, und aus einer musikalischen Familie komme ich auch nicht. Mein Vater war ein armer Schumacher in Recanati. Recanati ist ein kleiner Ort in den Ausläufern der römischen Appenin, südlich Ancona, unweit der Adriaküste.“

Zunächst arbeitete Gigli nach dem Schulabschluss in verschiedenen gewerblichen Berufen. Seine Laufbahn als Sänger war jedoch vorgezeichnet. Er wollte seiner inneren Stimme folgen, die ihm den Weg zur Künstlerlaufbahn wies. In seiner Lebenserinnerung schreibt er:
„Eine Gesangslehrerin erbot sich, mich zu unterrichten. Das Honorar stundete sie mir zunächst mit dem Hinweis: Du wirst ja doch einmal ein großer Sänger werden, und dann kannst du mir das Geld geben.“
Mit 18 Jahren wurde er Schüler der berühmten Academie Santa Cäcilia in Rom. Die Ausbildung dauerte sechs Jahre. Danach sang er zunächst an der Opernbühne des Theaters in Rovigo in der Nähe von Padua. Der Direktor der Mailänder Scala war Gast bei einer Veranstaltung.                                           Sein Kommentar nach der Vorstellung war:
„Sehr schön, Gigli, aber sammeln Sie erst mal Erfahrungen in der Provinz!“
Der Künstler befolgte diesen Rat und ging auf Tournee durch viele Städte in Italien und Spanien.
Gigli war bis 1917 an vielen in- und ausländischen Bühnen. In dieser Zeit wurden auch seine ersten zehn Schallplatten aufgenommen. Sie zählen in Fachkreisen zu den schönsten Tenoraufnahmen des 20. Jahrhunderts.
Nach seinem erfolgreichen Debüt an der Mailänder Scala am 19.November 1918 – er spielte unter der Leitung von Toscanini den Faust in der Oper „Mefistofele“ – bekam der Sänger ein festes Engagement an dieser Musikmetropole. Sein Name wurde nun weltweit bekannt.

Das Leben dieses Künstlers war so facettenreich, dass Beyer im nächsten Monat in einer weiteren Folge über den Karriereweg berichten wird.